18.12.2018 | Dienstag
06:30 Uhr im Dom zu Brixen
Heinrich Huber: Missa Salve Regina Pacis
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Geschichte

Ein Blick zurück in die musikalische Vergangenheit

A.Musica Sacra - Cantate Domino canticum novum

Mit der Christianisierung unseres Landes im dritten Jahrhundert durch römische Siedler und später durch irische Mönche wurde auch der lateinische Ritus heimisch. Trotz der spärlichen Überlieferung kann man annehmen, dass der gregorianische Choral (benannt nach Papst Gregor 590-604) wie im gesamten fränkischen Raum auch bei uns seine Verbreitung fand. Er wurde in den eigens dafür eingerichteten Dom-, Kloster- und Stadtschulen gelehrt. Das älteste Beispiel einer solchen Singschule war die von Herzog Tassilo III. 769 gegründete Stiftsschule von Innichen.


Die Brixner Domschule

Zur selben Zeit muss es auch in Säben bereits eine gut organisierte Musikpraxis gegeben haben. Die Vorstufe zur Brixner Domschule befand sich also zunächst in Säben und übersiedelte erst um das Jahr 1000 nach Brixen. Für einige Zeit war nun die Bischofsstadt erste und einzige Stätte zur Bildung des Weltklerus, aber auch zur Ausbildung von Sängern und Altardienern. Es gab drei Arten von Schülern: die Choralisten, Präbendisten und die Externen. Letztere waren Söhne bischöflicher Adliger und Bürger und kamen für ihre Verpflegung selbst auf. Dafür brauchten sie nur an den hohen Festtagen am Gottesdienst teilzunehmen, während ihre Kollegen täglich Gottesdienste und verschiedene Ämter zu bestreiten hatten. Die Melodien, die im Brixner Dom gesungen wurden, sollen sich vom Neustifter Augustinerchoral unterschieden haben. Als Herkunftsort wird Sankt Gallen angenommen.

In die Zeit der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert fällt ein entscheidender Stilwandel in der Kirchenmusik. Palestrina hatte die im Trienter Konzil erwünschte klassische Polyphonie zum Höhepunkt geführt, jetzt aber wurde sie von der neuen monodischen Satzweise mit Generalbass (basso continuo) allmählich abgelöst. In Tirol lässt sich für dieses sogenannte Generalbasszeitalter eine viel intensivere Kompositionstätigkeit feststellen als vorher. Die bedeutenden Komponistennamen haben alle direkt oder indirekt mit dem geistlichen Zentrum Brixen zu tun. Christoph Sätzl (1592-1655) etwa war in Brixen aufgewachsen und von 1620-1632 Domkapellmeister. In dieser Funktion verfasste er zahlreiche Motetten und geistliche Gesänge. Ein weiterer Name verdient Erwähnung, nämlich Daniel Zen, (1585-1628), ein gebürtiger Fassaner, der zunächst Domorganist in Brixen wurde, später die Dompropstei von Brixen erhielt und 1627 zum Bischof geweiht wurde. Seine Kompositionen werden ebenso wie jene des ehemaligen Chorknaben der Domschule von Brixen, Fürstbischof Johann von Platzgummer, im Brixner Domarchiv verwahrt.

Bedeutende Kirchenkomponisten lebten in Brixen oder holten sich im Kloster Neustift das nötige Rüstzeug für eine spätere Musikerlaufbahn. Dass Brixen ein Anziehungspunkt für bedeutende Musiker wurde, beweist die Vita des aus Böhmen stammenden Leopold Strach von Treyenfeld, der seit 1727 in Brixen weilte, zunächst als Bassist und Hofkomponist, später als Domkapellmeister. Sein gutes Verhältnis zu dem herausragenden Fürstbischof Kaspar Ignaz von Künigl (1702-1747) lässt sich durch Kompositionswidmungen belegen.

Eine weitere Musikerdynastie, nämlich die Familie Besthorn aus dem Bistum Halberstadt stellte eine Reihe tüchtiger Musiker und Komponisten für den auf Künigl folgenden Bischof Leopold von Spaur. Gebürtige Brixner hingegen waren die Domkapellmeister Franz Hopfgartner (1714-1775) und Johann Baptist Kerer (1743-1821), welche sich beide als Komponisten geistlicher Musik hervortaten. Allerdings setzten Französische Revolution und die darauf folgende Säkularisation 1803 dieser kulturellen Glanzzeit ein jähes Ende.


Eine konservative Reform im Namen der heiligen Cäcilia

Die von Kennern kritisierten Missstände sollten durch die Gründung eines Vereines beseitigt werden. Mit dem anspruchsvollen Vorhaben, der geistlichen Musik ihre „Würde und Feierlichkeit“ [1] wiederzugeben, wurde im Jahr 1856 in Brixen der Diözesan-Cäcilien-Verein vom Brixner Domorganisten Josef Gregor Zangl konstituiert. Zwölf Jahre später kam es zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Cäcilien-Vereines (ACV) durch Franz Xaver Witt.

Ziel war eine Kirchenmusik, die sich hauptsächlich der lateinischen Sprache bedient und eng an die Liturgie angelehnt ist. In den Vereinsorganen „Fliegende Blätter für katholische Kirchenmusik“ und „Musica Sacra“ wurden entsprechende Anweisungen veröffentlicht.

Einen Höhepunkt erlebte der Cäcilienverein im Jahre 1889 anlässlich der 12. Generalversammlung des Gesamtvereins in Brixen. Vom 10. bis 12. September hielten sich an die 500 Gäste in Brixen auf, um Anregungen und Unterweisungen zu erhalten. Die Aufführung im Dom unter der Leitung von Ignaz Mitterer, welcher 1000 Personen beigewohnt haben sollen, wurde von Experten als beispielhaft im Sinne der Vereinsstatuten empfunden und zur Nachahmung empfohlen.

Freilich wurde das starre Festhalten am A-cappella-Gesang und die Bevorzugung älterer Werke etwa eines Palestrina nicht von allen gutgeheißen. Nach und nach lockerten sich die Vorschriften in Bezug auf die Orchestermusik. Und nach Innsbruck und Bozen zog auch Brixen mit der Förderung der Orchestermusik im Kirchenraum nach. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein sollte jedoch die Auseinandersetzung um die richtige Form der Musik anhalten. Noch 1956 gab Bischof Josef Gargitter der A-Cappella-Musik vor der orchestral begleiteten Musik den Vorrang.


Ignaz Mitterer (1850-1924)

Ignaz Mitterer, am 2. Februar 1850 in Aßling in Osttirol geboren, erwies sich schon früh als außerordentlich musikbegabt. Bereits mit zehn Jahren schrieb er die erste dreistimmige Messe. In der Singschule Neustift erhielt er ersten Unterricht in Klavier und Orgel. Nach der Priesterweihe im Jahre 1874 wurde er von seinen Vorgesetzten an die renommierte Musikhochschule in Regensburg geschickt. Ab 1877 wirkte Mitterer als Kooperator in Vintl und Dölsach in Osttirol. Einen achtmonatigen Aufenthalt in Rom nützte er für das Studium der klassischen Meister der Polyphonie und fand in Palestrina, Lasso und Händel die Quelle für eigene musikalische Inspiration. 1885, nach dreijähriger Chorleitertätigkeit am Regensburger Dom, nahm er den Ruf als Domkapellmeister in Brixen an und führte das Ensemble zu internationalem Ruf. Ganz nach den Vorstellungen des Cäcilianismus ersetzte er die Frauenstimmen durch die sogenannten „pueri cantores“, Studenten des Cassianeums. Generationen von Theologiestudenten führte er in die Grundlagen des Kirchengesanges ein. Sein Gesamtwerk umfasst mehr als 200 Opuszahlen, darunter 45 Messen, aber auch weltliche Musik. Aus Gesundheitsgründen überließ er 1917 den Taktstock seinem Nachfolger Pius Goller. Mitterer starb am 18. August 1924.


Vinzenz Goller (1873-1953)

Vinzenz Goller wurde am 9. März 1873 in Sankt Andrä bei Brixen geboren und erlebte seine musikalische Ausbildung als Kantor, Geiger und Organist im Kloster Neustift, wo auch gelegentlich Ignaz Mitterer als Lehrer tätig war. Nach seiner Ausbildung zum Volksschullehrer, Organisten und Chorleiter widmete er den ersten Teil der Woche der Komposition und den zweiten Teil der Einstudierung des geschaffenen Werkes. Auf Anraten Mitterers besuchte er wie sein Freund Josef Gasser die berühmte Kirchenmusikschule in Regensburg. Nach Beendigung des Studiums wurde er bald nach Wien berufen, wo er unter anderem einen anspruchsvollen Auftrag des Unterrichtsministeriums zu erfüllen hatte, nämlich die Errichtung der Kirchenmusikabteilung der Wiener Akademie für Musik und darstellende Kunst. Goller nahm die Herausforderung an, obschon er viele Gegner in klerikalen Kreisen hatte, welche die von Papst Pius X. herausgegebene Weisung nicht akzeptieren wollten.

Im Ersten Weltkrieg meldete sich Goller als Freiwilliger zu den Standschützen und wurde an der Dolomitenfront eingesetzt. Nach der Kriegsgefangenschaft kehrte er 1919 nach Wien zurück, wo er seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm. Hier blieb er bis zum Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland. Als 1941 das Stift Klosterneuburg, sein damaliger Wohnsitz, aufgehoben wurde, übersiedelte er in den hintersten Lungau und begann von Neuem mit kirchenmusikalischer Aufbauarbeit in den Diözesen Klagenfurt und Salzburg. Nach dem Krieg zog es ihn wieder in seine Heimatstadt Brixen, wo er bis 1950 bei seinem Bruder Pius lebte. Während dieser Zeit knüpfte er Kontakte zum Kirchenmusikverlag Carrara in Bergamo, der drei Bände der „Scuola primaria dell´organista“ herausgab. Am 11. September 1953 starb Goller in Sankt Michael im Lungau.



Josef Gasser (1873-1957)

Im selben Jahr wie Vinzenz Goller wurde ein anderer für das Brixner Musikleben wichtiger Komponist geboren. Am 24. März 1873 erblickte Josef Gasser in Lienz das Licht der Welt. Auch er begann seine musikalischen Studien in Neustift und bildete sich in Innsbruck zum Volksschullehrer aus. Hier schloss er auch Freundschaft mit Vinzenz Goller. Gemeinsam besuchten sie die Musikhochschule in Regensburg und nahmen regen Anteil an den Entwicklungen in der Musikhauptstadt Wien. Nach 14 anstrengenden Jahren als Pianist, Geiger und Chorleiter in Wilten und Kaltern zog sich Gasser 1923 in die klösterliche Beschaulichkeit von Neustift zurück, wo er 33 Jahre lang die Seele des Musiklebens war. Hier schrieb er - auf wiederholte Anregung seines Förderers Angelo Alverà - Messen (darunter die berühmte Missa solemnis in e-Moll und das Te Deum, die erstmals 1942 zur Feier des 800 jährigen Bestandes des Klosters Neustift erklangen[2]) und Motetten für den Brixner Domchor, daneben zahlreiche Advents- und Weihnachtslieder. Auf seine Initiative geht die Wiederbelebung der Sternsinger-Tradition in Neustift zurück. Für die von Haus zu Haus ziehenden Künder der Weihnachtsbotschaft schrieb Gasser zahlreiche einfache Lieder von großer religiöser Aussagekraft. Am 10. Jänner 1957 starb Gasser. In Neustift wurde er beigesetzt.


Die Zeit nach 1915

Die Zerreißung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg und der Faschismus legten die Tätigkeit des Cäcilienvereines lahm. Die einzelnen Kirchen und Pfarreien bemühten sich jedoch weiterhin um eine würdige Gottesdienstgestaltung. Der Domchor von Brixen erlebte unter Domkapellmeister Angelo Alverà und Domorganist Alfons Frontull eine wahre Blüte.


Angelo Alverà (1905-1978)

Angelo Alverà, geboren am 2. November 1905 in Cortina d´Ampezzo, wurde 1929 zum Priester geweiht, und nach einer kurzen Seelsorgertätigkeit in Pieve di Livinallongo (Buchenstein) Gesangslehrer am Vinzentinum. Gleichzeitig setzte er seine musikalischen Studien in Regensburg und München fort. Im Jahre 1935 übernahm er die Leitung des Brixner Domchores, welche er bis 1974 inne hatte.

Unter anderem war Alverà Religionslehrer am Lyzeum Dante Alighieri und Musiklehrer in den beiden Seminaren der Stadt, wo er sich mit Geduld und Hingabe der Ausbildung auch weniger begabter Theologiestudenten widmete. Unvergessen sind seine Tipps, damit die Intervalle leichter erfasst werden konnten, etwa der Kuckucksruf für die kleine Terz oder die Glocken von Sankt Andrä für die große Terz. Entscheidend trug Alverà zur Gründung der Diözesankirchenmusikschule 1953 bei und war eine Zeitlang Vorsitzender der Diözesankommission für Kirchenmusik.

Als im Jahre 1938 die Musikkapelle aufgelöst wurde, war es Alverà, der den Bläsern im Domorchester neue Aufgaben zuteilte. Nach 1945 kam es zu einer Neuorganisation des Domorchesters. 1947 stand Alverà bei der Neugründung der Bürgerkapelle bei. Am 15. April 1978 verstarb der hochverdiente Mann.


Josef Knapp (1921-2014)

Nachfolger von Angelo Alverà wurde 1974 Josef Knapp, der bereits 1956 von Bischof Joseph Gargitter zum Diözesanpräses des Allgemeinen Cäcilienverbandes für die Diözese Brixen ernannt wurde. Bis 1990 war er Domkapellmeister in Brixen. Trotz seines klaren Bekenntnisses zur Tradition des Cäcilienverbandes war Knapp allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Die Chronik verweist auf nachhaltige Aufführungen von Johann Sebastian Bach bis Hugo Distler, von Palestrina bis Gounod. Höhepunkt seiner langjährigen Tätigkeit war zweifellos die Einspielung des Tonträgers „Ostern im Brixner Dom“ im Jahre 1990.


Otto Rubatscher

Neben Angelo Alverà und Josef Knapp war es vor allem der aus Untermoi stammende Organist Otto Rubatscher (geb. 1929), der das Musikleben in Brixen seit 1962 stark mitprägte. Neben seiner Tätigkeit als Musikerzieher und als Leiter des MGV war es vor allem die unermüdliche Tätigkeit als Domorganist – er war übrigens der erste Nicht-Priester in dieser Funktion -, die den „Orgel-Otto“, wie er liebevoll genannt wird, landesweit bekannt gemacht hat. Einfühlungsgabe, Improvisationstalent und vor allem auch die Bereitschaft, auch einfache Gottesdienste mitzugestalten, ließen ihn zu einer geschätzten Institution werden. Heute ist Rubatscher in Pension, ein jüngerer ist ihm als Domorganist nachgefolgt. Mit Franz Comploi kommt nunmehr der dritte Domorganist in Folge aus dem Gadertal.


Dommusik an der Schwelle zum neuen Jahrtausend

Seit der Gründung der Domsingschule vor bald tausend Jahren hat sich sehr vieles geändert. Dass sich der Domchor selbst verändert hat, ist nicht zu leugnen. Mit den Begriffen Institutionalisierung, Laisierung und Professionalisierung lassen sich die wichtigsten Veränderungen zusammenfassen. Noch im Jahre 1899 schrieb der damalige Domkapellmeister Ignaz Mitterer in seinem Gestionsbuch über die Organisation des Domchores: „Eine eigentliche Chorregentenstelle ist bei dem hiesigen Dome nicht fundiert. Derjenige Dombenefiziat, der zur Leitung des mehrstimmigen Gesanges Lust und Fähigkeit hat, übernimmt diese Funktion, die er in jedem Augenblicke abzulegen berechtigt ist, da er hierzu kein Anstellungsdekret erhält.“[3]

Dass das Ansehen des Domkapellmeisters früher größer war, kann aufgrund der Anredeform „Direktor“ angenommen werden, sein Gehalt war es mit Sicherheit nicht. Darüber lässt Mitterer verlauten:[4] “Die Kleinigkeit von 384 fl, wovon ein Chordirektor alles im Laufe des Jahres für den mehrstimmigen Gesang erforderliche bestreiten muss und worin sein persönlicher Gehalt schon inbegriffen ist, leistet in zwei Raten die fürstbischöfliche Mensa“. Seit 1991 wird das Amt des Domkapellmeisters vom ersten Nicht-Priester, dem gebürtigen Toblacher Heinrich Walder bekleidet.




[3] Gestionsbuch von Ignaz Mitterer aus dem Jahr 1899 im Domchorarchiv
[4] Gestionsbuch von Ignaz Mitterer


Text: Barbara Fuchs